OLG Karlsruhe Beschluss vom 13.12.2004 - 1 Ss 201/04 - Verfahren bei gleichzeitigem sich überschneidendem Fahrverbot und vorläufig vollziehbarer Entziehung der Fahrerlaubnis durch die Verwaltungsbehörde
 

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OLG Karlsruhe v. 13.12.2004: Verfahren bei gleichzeitigem sich überschneidendem Fahrverbot und vorläufig vollziehbarer Entziehung der Fahrerlaubnis durch die Verwaltungsbehörde


Das OLG Karlsruhe (Beschluss vom 13.12.2004 - 1 Ss 201/04) hat entschieden:
  1. Liegen die Anordnungsvoraussetzungen des § 25 II a 1 StVG vor, so steht dem. Gericht kein Ermessen zu, ob es die Vorschrift anwendet oder nicht (Anschluss an OLG Düsseldorf, DAR 1998, 402).

  2. Trifft ein derartiges Fahrverbot mit dem durch eine Verwaltungsbehörde angeordneten vorläufigen Entzug der Fahrerlaubnis zusammen, so steht das Analogieverbot einer Anschlussvollstreckung des Fahrverbots nach § 25 II a 2 StVG entgegen.

  3. In einem solchen Fall ist es für den Beginn der Verbotsfrist ausreichend, wenn der Betroffene der Vollstreckungsbehörde nach Eintritt der Rechtskraft der Bußgeldentscheidung mitteilt, dass sich der Führerschein bei einer anderen Behörde in amtlicher Verwahrung befindet und ab welchem Zeitpunkt innerhalb der Viermonatsfrist das Fahrverbot wirksam werden soll.




Siehe auch Stichwörter zum Thema Fahrverbot


Zum Sachverhalt: Das AG X. verurteilte den Betr. am 20. 8. 2004 wegen fahrlässigen Führens eines Kraftfahrzeuges mit einer Blutalkoholkonzentration von 0,5 Promille oder mehr in Tateinheit mit fahrlässigem Führen eines Kraftfahrzeuges unter Wirkung eines berauschenden Mittels zu einer Geldbuße von Euro 375 und einem einmonatigen Fahrverbot, weil er am 10. 1. 2004 in X. ein Kraftfahrzeug geführt hatte, obwohl er Alkohol in Höhe von 1,03 Promille sowie das Amphetamin MDMA in einer Konzentration von 56 ng/ml im Blut hatte. Gegen diese Entscheidung hat der Betroffene form- und fristgerecht Rechtsbeschwerde eingelegt, mit welcher er sich gegen die Verhängung eines Fahrverbots wendet. Ein solches stelle nämlich eine unzulässige Doppelbestrafung dar, weil dem Betr. bereits seit Mai 2004 die Fahrerlaubnis durch die Verwaltungsbehörde auf Grund einer sofort vollziehbaren Anordnung entzogen worden sei und diese ein Fahrverbot in vorliegender Sache erst nach Ablauf der dem Betr. durch das AG eingeräumten Viermonatsfrist nach § 25 II a StVG vollstrecken wolle.

Die Rechtsbeschwerde blieb ohne Erfolg.


Aus den Gründen:

Da sich der Betr. lediglich gegen die Verhängung eines Fahrverbots wendet, ist der Schuldspruch in Rechtskraft erwachsen. Auch die Überprüfung des Rechtsfolgenausspruchs zeigt keinen Rechtsfehler auf. Insoweit ist lediglich zu bemerken:

Da ein Regelfall nach §§ 24 a I, II und III, 25 StVG, 4 III BKatV i. V. m. Nrn. 241 und 242 des BKat vorliegt, hat das AG zu Recht ein einmonatiges Fahrverbot verhängt. Hiervon abzusehen bestand kein Anlass. Eine „Doppelbestrafung” wie vom Betr. vorgetragen liegt schon deshalb nicht vor, weil der verwaltungsbehördlichen Entscheidung ein rein präventiver Charakter zukommt.

Auch die zusätzlich getroffene Bestimmung, das Fahrverbot werde erst wirksam, wenn der Führerschein nach Rechtskraft der Bußgeldentscheidung in amtliche Verwahrung gelangt, spätestens jedoch mit Ablauf von vier Monaten seit Eintritt der Rechtskraft, ist nicht zu beanstanden. Liegen nämlich – wie hier – die Anordnungsvoraussetzungen des § 25 II a 1 StVG vor, so steht dem Gericht kein Ermessen zu, ob es die Vorschrift anwendet oder nicht (OLG Düsseldorf, DAR 1998, 402). Sinn und Zweck der durch Gesetz vom 26. 1. 1998 (Bt-Drucks. 13/8655 S. 13) eingeführten Regelung war es nämlich, die Justiz durch Vermeidung unnötiger Einsprüche von Betr. gegen Bußgeldbescheide dadurch zu entlasten, dass diese den Zeitpunkt des Wirksamwerdens des Fahrverbots in einem zeitlich vorgegebenen Rahmen selbst bestimmen können (vgl. hierzu Hentschel, Straßenverkehrsrecht, 37. Aufl. 2003, § 25 Rdnr. 5).

Die Vollstreckungsreihenfolge bei Zusammentreffen mehrerer Fahrverbote bestimmt das Gesetz indes nicht abschließend. Die in § 25 II a 2 StVG enthaltene Regelung der Anschlussvollstreckung gilt nur für verhängte Fahrverbote und ist wegen des bestehenden Analogieverbotes im Straf- und Ordnungswidrigkeitenrecht (§ 3 OWiG) etwa auf den Entzug der Fahrerlaubnis nach § 69 StGB nicht übertragbar (OLG Dresden, NZV 1999, 432 f.; fraglich AG Liebenwerda, DAR 2003, 42; enger AG Braunschweig, Beschl. v. 19. 6. 2002, 2 OWi 79/02; AG Herford, ZfS 2000, 175; Hentschel, Straßenverkehrsrecht, aaO, Rdnr. 30: nur im Rahmen des § 25 IIa StVG). Diese Überlegung muss auch gelten, wenn - wie hier - die Fahrerlaubnis auf Grund einer verwaltungsbehördlichen Anordnung einstweilig entzogen ist, so dass das Fahrverbot nicht erst nach Aushändigung oder gar Wiedererteilung einer Fahrerlaubnis vollstreckt werden darf (vgl. auch Hillenbrand VD 77, 321 ff.; Danner VD 77, 23 ff.; a. A. Bouska VD 77, 99 ff.).

Nach § 25 II a 1 StVG wird das Fahrverbot nämlich schon wirksam, wenn der Führerschein nach Rechtskraft der Bußgeldentscheidung in amtliche Verwahrung gelangt, spätestens nach Ablauf von vier Monaten. Mit dieser Regelung billigt der Gesetzgeber dem Betr. ein eingeschränktes Dispositionsrecht zu, ab welchem Zeitpunkt das rechtskräftige Fahrverbot wirksam werden soll. Auch bei einstweiligem verwaltungsrechtlichem Entzug einer Fahrerlaubnis ist dieses Recht nicht inhaltsleer, da dieser anders als ein Fahrverbot nicht die Berechtigung zum Führen eines führerscheinlosen Mofas im Straßenverkehr betrifft und auch beim Auslandsbezug Unterschiede bestehen können (vgl. Schäpe DAR 1998, 10f.). Der Senat sieht vorliegend deshalb keinen Anlass, dem Betr. das ihm vom Gesetzgeber eingeräumte Privileg abzuerkennen.

Aus diesem Grund ist es auch ohne Belang, dass der Betroffene vorliegend den Führerschein nicht bei der als Vollstreckungsbehörde zuständigen Staatsanwaltschaft (§§ 91 OWiG, 451 StPO) persönlich abgeben kann, denn diese Verhinderung beruht nicht auf seiner eigenen Willensentscheidung, sondern hat ihre Ursache darin, dass dieser bereits bei der Verwaltungsbehörde in amtlicher Verwahrung ist. Dieses rechtliche und tatsächliche Hindernis hat nach Ansicht des Senates auf den Fristbeginn keinen Einfluss (ebenso Hentschel, Straßenverkehrsrecht, aa0, Rdnr. 30 m. w. Nachw.; ders., DAR 1988, 156 f.), da das Gesetz in § 25 II a StVG nur allgemein von „amtlicher Verwahrung” spricht und keine ausdrückliche Verwahrbehörde bezeichnet. Auch der in der Sache durchaus zutreffende Hinweis, in einem solchen Fall könne nur bei Abgabe des Führerscheins bei der zuständigen Behörde die „Denkzettelfunktion” des Fahrverbots gewahrt werden (vgl. Martzloff DÖV 1985, 234 f.), kann zu keiner anderen Bewertung führen, denn eine solche Bestimmung obliegt – wie die Regelung des § 25 II a 2 StVG zeigt ausschließlich dem Gesetzgeber.

Für den Beginn der Verbotsfrist ist innerhalb der Viermonatsfrist daher vorliegend ausreichend, dass der Betr. der Vollstreckungsbehörde nach Eintritt der Rechtskraft der Bußgeldentscheidung mitteilt, dass sich der Führerschein bei einer anderen Behörde in amtlicher Verwahrung befindet und ab welchem Zeitpunkt innerhalb der Viermonatsfrist das Fahrverbot wirksam werden soll.







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