OLG Köln Beschluss vom 11.06.2014 - 17 W 63/14 - Kosten für SV-Gutachten der privaten Haftpflichtversicherung
 

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OLG Köln v. 11.06.2014: Keine Kostenerstattung für SV-Gutachten der privaten Haftpflichtversicherung


Das OLG Köln (Beschluss vom 11.06.2014 - 17 W 63/14) hat entschieden:
Die beklagte Partei kann von der (teilweise) unterlegenen Klägerpartei nicht die (teilweise) Erstattung von Sachverständigenkosten verlangen, die nicht von ihr selbst, sondern in ihrem Interessen von der hinter ihr stehenden privaten Haftpflichtversicherung veranlasst und bezahlt worden sind, da es sich nicht um Aufwendungen einer am Prozeß beteiligten Partei und somit nicht um Kosten des Rechtsstreits handelt.





Siehe auch Der Sachverständigenbeweis im Zivilverfahren und Zur Kostenerstattung für Privatgutachten, die in das Verfahren eingebracht oder nicht eingebracht wurden


Gründe:

I.

Zwischen dem Kläger als Motorradfahrer und der Beklagten als Radfahrerin kam es zu einem Verkehrsunfall. Das Landgericht holte ein unfallanalytisches Sachverständigengutachten ein. Hieraufhin beauftragte die hinter der Beklagten stehende Haftpflichtversicherung, die nicht am Rechtstreit beteiligt ist, einen Privatgutachter mit der Erstattung eines Gutachtens. Es kam zu einer vergleichsweisen Erledigung des Rechtsstreits. Danach sind die Kosten zu 30 % vom Kläger und zu 70 % von der Beklagten zu tragen.

Zur Festsetzung angemeldet hat die Beklagte u. a. 1.498,38 EUR, die ihre Haftpflichtversicherung an den Privatgutachter gezahlt hat. Sie ist der Ansicht, diese seien als notwendig und prozessbezogen im Sinne des § 91 Abs. 1 ZPO einzustufen. Der Erstattung stehe nicht entgegen, dass nicht sie, sondern ihre Haftpflichtversicherung das Gutachten eingeholt und bezahlt habe. Denn diese habe letztlich dem Kläger den Schadensbetrag ohnehin zu erstatten. Zu verweisen sei auch darauf, dass ihre Haftpflichtversicherung nach § 101 VVG i. V. m. § 5 Nr. 4 AHB verpflichtet sei, sie von Ansprüchen Dritter freizustellen. Außerdem habe sie dieser die Prozessführung zu überlassen. Falls sie mit dem Auto anstatt mit dem Fahrrad unterwegs gewesen wäre, hätte ihre Haftpflichtversicherung wegen der Geltung des Pflichtversicherungsgesetzes in diesem Fall Partei werden können. Es könne deshalb im Rahmen der Erstattung keinen Unterschied machen, ob ein Fall der Pflichtversicherung vorliege oder nicht.

Der Kläger ist der Ansicht, die für das Privatgutachten entstandenen Kosten seien im vorliegenden Kostenfestsetzungsverfahren nicht berücksichtigungsfähig, da sie nicht der am zugrunde liegenden Rechtsstreit beteiligten Partei entstanden seien.

Dieser Ansicht hat sich die Rechtspflegerin angeschlossen. Dem Rechtsmittel der Beklagten hat sie nicht abgeholfen und die Sache dem Senat zur Entscheidung vorgelegt.


II.

Die gemäß § 104 Abs. 3 Satz 1 ZPO i. V. m. § 11 Abs. 1 RpflG statthafte und auch ansonsten unbedenklich zulässige sofortige Beschwerde hat in der Sache selbst keinerlei Erfolg.

Zu Recht hat die Rechtspflegerin die Kosten für das während des laufenden Rechtstreits von der hinter der Beklagten stehenden Haftpflichtversicherung eingeholte und bezahlte Privatgutachten bei der Kostenfestsetzung außer Acht gelassen. Diese Kosten sind keine solchen des vorliegenden Rechtsstreits und von daher nicht erstattungsfähig.

1. Diese Frage wird allerdings nicht einheitlich beantwortet. Nach weitaus überwiegender Ansicht in Rechtsprechung und Literatur (OLG Braunschweig VersR 1963, 393; OLG Düsseldorf VersR 1973, 863; OLG Karlsruhe OLGR 2002, 230; OLG Koblenz RP 1992, 129; OLG München JB 1987, 427; OLG Stuttgart JB 1985, 122; LG Hamburg NJW 1991, 3156; Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann, ZPO, 72. Auflage, § 91 Rn. 269; von Eicken/Hellstab/Lappe/Madert/Mathias, Die Kostenfestsetzung, 20. Auflage, B 307; Feller, in: Göttlich/Mümmler/Bestelmeyer/Feller/Frankenberg/Hellstab/Jungbauer/Rehberg/Schons/Vogt, RVG, 5. Auflage, Privatgutachten, Ziff. 2.2.3; Littbarski, AHB, § 5 Rn. 93; Schulz MK-​ZPO, 4. Auflage, § 104 Rn. 26; Stein/Jonas/Bork, ZPO, 22. Auflage, § 91 Rn. 16; Thomas/Putzo/Hüßtege, ZPO, 35. Auflage, § 91 Rn. 15; Zöller/Herget, ZPO, 30. Auflage, § 91 Rn. 13 "Versicherungsgesellschaft") hängt die Erstattungsfähigkeit von Privatgutachterkosten oder etwa Detektivkosten nicht davon ab, dass diese einer Prozesspartei in eigener Person entstanden sind. Dies wird für den Fall vertreten, dass die hinter dieser, am Prozess nicht selbst beteiligte Privathaftpflichtversicherung das Privatgutachten einholt und auch bezahlt. Trotzdem sollen diese Kosten von dem Versicherungsnehmer als Prozesspartei anlässlich der Kostenerstattung oder -ausgleichung geltend gemacht werden können.

Zur Begründung wird zum einen angeführt, dem Prozessgegner könne es nicht zum Vorteil gereichen, dass die am Prozess nicht beteiligte Versicherung Aufwendungen habe, die, falls sie Prozesspartei wäre, vom Prozessgegner zu erstatten wären. Des Weiteren wird auf § 5 Nr. 4 AHB = 25.5 AHB 2007 verwiesen (so etwa: OLG Koblenz, a. a. O.). Nach dieser Vorschrift habe der Versicherungsnehmer seiner Privathaftpflichtversicherung die Führung des Prozesses zu überlassen. So beauftrage die Versicherung im Namen ihres Versicherungsnehmers den Rechtsanwalt, dem jener Vollmacht zu erteilen, Informationen zu geben und die erforderlichen Unterlagen zu überlassen habe. Den Rechtsstreit zwischen dem Geschädigten und dem Versicherungsnehmer führe die Versicherung letztlich in dessen Namen auf eigene Kosten, § 3 Abs. 2 Nr. 3 AHB. Sie sei aufgrund der Vertragsbeziehung zu dem Versicherungsnehmer einerseits verpflichtet, die Prozess- oder Prozessvorbereitungskosten vorzuschießen, könne aber Rückerstattung an sich selbst nicht verlangen, weil sie nicht Prozesspartei sei.

Schließlich wird zur Begründung auf die Grundsätze der Drittschadensliquidation verwiesen, die in der vorliegenden Konstellation anzuwenden seien. Dem Versicherungsnehmer als Prozesspartei seien nur deshalb keine Kosten erwachsen, weil er seiner Haftpflichtversicherung die Führung des Prozesses intern zu überlassen habe. Wie bei der Drittschadensliquidation liege ein Fall vor, bei dem die Belastung mit einer Verbindlichkeit, die typischerweise beim Gläubiger des Kostenerstattungsanspruchs eintrete, aufgrund dessen Rechtsbeziehung zu der Versicherung auf diese verlagert worden sei (so: OLG Karlsruhe OLGR 2002, 230 Tz. 11 - juris -).

2. Dieser Rechtsansicht vermag sich der Senat nicht anzuschließen (ebenso: OLG Karlsruhe VersR 1980, 337; LG Tübingen JB 1986, 439 mit zust. Anm. Mümmler; Hansens RVGreport 2011, 287, 288 f.; zweifelnd auch: OLG Karlsruhe OLGR 2007, 732).

a) Sie lässt allein aus Gründen der Billigkeit maßgebliche Grundsätze des Kosten- und des Kostenerstattungsrechts außer Acht.

aa) Nach § 91 Abs. 1 S. 1 ZPO hat die unterliegende Partei die Kosten des Rechtsstreits zu tragen und dem Prozessgegner die diesem entstandene Kosten zu erstatten, soweit sie zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung oder -verteidigung notwendig waren. Als Partei im Sinne des § 91 ZPO gilt, wer in einer kontradiktorischen Klage, einem Antrag oder einem Gesuch als solche bezeichnet ist, Kläger oder Beklagter, Antragsteller oder Antragsgegner (Schulz, a. a. O., Rn. 17). Im Zivilprozess herrscht der formelle Parteibegriff. So ist der lediglich einem Prozessvergleich beitretende Dritte nicht Partei und wird auch nicht als solche behandelt (BGH NJW 1983, 1433 f.). Grundlage der Kostenerstattungspflicht im Sinne des § 91 ZPO ist das zwischen dem Kostengläubiger und dem Kostenschuldner zustande gekommene Prozessrechtsverhältnis, welches im Regelfall durch Erhebung einer Klage begründet wird. So ist der gesetzliche oder gewillkürte Prozessstandschafter selbst Partei, so dass der prozessuale Erstattungsanspruch wegen ihm entstandener Kosten diesem persönlich zusteht und nicht der Person, für die er handelt (OLG München RP 1980, 232), selbst wenn dieser anlässlich des Rechtsstreits Kosten entstanden sind, die auch in der Person des Prozessstandschafters hätten entstehen können.

Das Kostenfestsetzungsverfahren baut als Höheverfahren auf der bindenden Kostengrundentscheidung auf. Der Kostenfestsetzungsbeschluss ist hinsichtlich Entstehung und Bestand von einer wirksamen und vollstreckbaren Kostengrundentscheidung abhängig (BGH NJW-​RR 2008, 1082; MDR 2013, 669). Allein dem vollstreckbaren Titel, der die Grundlage für die Festsetzung bildet, lässt sich entnehmen, wer die Verfahrenskosten zu tragen hat, wer mithin Gläubiger und wer Schuldner des Kostenerstattungsanspruches ist. Antragsbefugt im Kostenfestsetzungsverfahren ist nur derjenige, zu dessen Gunsten im Titel eine Kostengrundentscheidung nach § 91 ff. ZPO ergangen ist (BGH JB 2010, 480 = MDR 2010, 838; KG JB 1982, 1562 = RP 1982, 353; Senat, Beschluss vom 13. April 2011 - 17 W 320/10 - = JB 2013, 89 = NJOZ 2013, 726). Infolge dessen kann der Rechtsnachfolger einer Partei, solange der Titel nicht auf ihn umgeschrieben ist, § 727 ZPO, Kostenfestsetzung für sich selbst nicht erfolgreich beantragen.

Zusammengefasst gilt, dass das Kostenrecht von dem Grundsatz beherrscht wird, dass nur diejenigen Kosten zugunsten des Gläubigers festgesetzt werden dürfen, die diesem tatsächlich entstanden sind (BVerfGE 62, 189, 192f; BGH NJW-​RR 2003, 1507; OLG Saarbrücken JB 2005, 424; Schulz, a.a.O.).

bb) Dies vorausgeschickt, kann die Beklagte ausschließlich ihrer am Rechtsstreit nicht beteiligten Haftpflichtversicherung entstandene Kosten zu ihren Gunsten nicht festsetzen lassen. Wenn selbst der materiell-​rechtlich berechtigte Rechtsnachfolger gehindert ist, ohne Titelumschreibung in seinem Namen Kostenfestsetzung zu beantragen, so kann eine Partei Kosten, die ihr gar nicht entstanden sind, erst recht nicht für sich festsetzen lassen. Darauf, dass sie ihr hätten entstehen können, kann es nicht entscheidend ankommen. Der Senat verkennt dabei nicht, dass dies zu einer Bevorteilung des Kostenschuldners führt, wenn wie vorliegend die hinter dem Versicherungsnehmer stehende Haftpflichtversicherung aus Rechtsgründen nicht mitverklagt werden kann. Angesichts der aufgezeigten Grundsätze des Kosten- und des Kostenerstattungsrechts sieht sich der Senat gehindert, die von der Beklagten begehrte Festsetzung von ihr gar nicht entstandenen Privatgutachterkosten zu ihren Gunsten durchzuführen. Ausschließlich der Gesetzgeber wäre berufen, Abhilfe zu schaffen.

b) Der Hinweis der Beklagten darauf, ihre Haftpflichtversicherung habe sie von Ansprüchen Dritter freizustellen bzw. vor unberechtigtem Schaden an Ersatzansprüchen zu schützen, verfängt nicht. Die aus dem Versicherungsverhältnis zwischen ihr und ihrer Haftpflichtversicherung folgenden gegenseitigen Rechte und Pflichten betreffen alleine das Innenverhältnis zwischen dem Versicherungsnehmer und dem Versicherungsgeber. Daraus vermag die Haftpflichtversicherung keine Rechte gegen Dritte herzuleiten, insbesondere keinen Kostenerstattungsanspruch in einem Rechtsstreit, in dem sie gar nicht Prozesspartei war. Mithin ist es im Rahmen des Kostenfestsetzungsverfahrens unerheblich, dass die Beklagte ihrer Versicherung nach den Vorschriften der AHB die Prozessführung zu überlassen hat und letztlich auch mit den dem Kläger zustehenden Ansprüchen finanziell belastet wird. Auch das betrifft allein das Innenverhältnis zwischen Versicherungsnehmer und Versicherungsgeber. Dass die hinter der Beklagten stehende Versicherung für den Fall, dass diese mit dem Auto und nicht mit dem Fahrrad unterwegs gewesen wäre, aufgrund des dann einschlägigen Pflichtversicherungsgesetzes selbst Prozesspartei hätte werden können, rechtfertigt ebenfalls keine andere Entscheidung im Hinblick auf die hier in Rede stehenden Kosten. Das Pflichtversicherungsgesetz ist hier - unstreitig - nicht anwendbar (Hansens, a. a. O., S. 289).

c) Zur Überzeugung des Senats lassen sich auch die Grundsätze der Drittschadensliquidation nicht auf das Kosten- und Kostenerstattungsrecht übertragen. Dem steht schon dessen eingangs dargelegte Systematik zwingend entgegen. Des Weiteren geht es bei der Kostenerstattung nicht um Schadenersatz. Hat der Erstattungsgläubiger einen materiell-​rechtlichen Kostenerstattungsanspruch, kann er diesen im Verfahren nach §§ 103 ff. ZPO nicht zur Festsetzung bringen (OLG Koblenz MDR 2002, 357 = NJW-​RR 2002, 719; OLG Brandenburg JB 2009, 144; Zöller/Herget, § 104 Rn. 21 "materiell-​rechtlicher Kostenerstattungsanspruch"), erst recht nicht, wenn der Schaden nicht beim Kostengläubiger, sondern bei einem am Prozess nicht beteiligten Dritten eingetreten ist. Billigkeitsgesichtspunkte reichen hierfür nicht aus.

3. Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 Abs. 1 ZPO.

4. Die Zulassung der Rechtsbeschwerde ist zur Fortbildung des Rechts sowie zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung erforderlich, § 574 Abs. 1 bis 3 ZPO.







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